Streuner

Unterwegs mit Hundeaugen

Streuner

Streuner unterwegs in Istanbul

Wir kennen viele Filme mit Hunden oder über Hunde. Einen habe wir hier bereits vorgestellt. Wer jedoch bei Streuner unterwegs in Istanbul eine Handlung erwartet, wird enttäuscht werden. Keine rührselige Geschichte von einem Hund, der ausgesetzt und nach einer langen, schmerzhaften Odyssee endlich in einer neuen Familie ein Happy End findet. Der Film erinnert vielmehr an den Hundehalter von nebenan, der seine Gassi Runde mit seinem Hund filmt. Der einzige Unterschied ist der, dass die Kamera auf Höhe der Hundeaugen gehalten wird. 69 Minuten lang werden drei Streuner auf ihren Streifzügen durch Istanbul gefilmt, ohne dass irgendeine Spannung aufkommt. So gesehen ist die DVD nach spätestens fünf Minuten auszuwerfen und zu entsorgen. Doch so ist der Film falsch gesehen.

Ein guter Abklatsch von Kedi

Wer die DVD so betrachtet, wie im vorangegangenen Absatz beschrieben, wird hoffnungslos enttäuscht sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die DVD falsch betrachtet wird, ist dabei auch noch sehr hoch, denn mit Werbesprüchen wie „Die ultimative Liebeserklärung an Hunde“ etc. wird die Erwartungshaltung hoch- und in eine ganz andere Richtung geschraubt. Es werden spannende, rührende und lustige Szenen im Schlagabtausch erwartet, doch nicht eine solcher Szenen wird es geben. Am besten lässt sich der Film mit Kedi vergleichen. Im Großen und Ganzen kann man ihn als Abklatsch bezeichnen. Die gleiche Idee, die gleiche Aufmachung und mit Istanbul sogar die gleiche Location. Lediglich die Protagonisten haben sich verändert. Statt um streunende Katzen geht es hier um Hunde. Ein kleiner Unterschied, der dem Film jedoch einen komplett neuen Sinn gibt. Katzen sind mit dem Islam eng verbunden. Während beim Hund bereits der Speichel unrein ist, gilt bei der Katze noch nicht einmal der Urin unrein. Einen Film über Katzen in der Türkei zu drehen, ist wie ein Film über Kühe in Indien.

Die DVD „Streuner“ richtig sehen

Der Film „Streuer“ bringt dagegen Hunde ins Spiel, die sich mit dem islamischen Glauben überhaupt nicht vertragen und somit eine ganz andere Aussagekraft haben. Weiterhin werden in diesem Film eine Flut von Informationen direkt und indirekt vermittelt. Das beginnt mit Zitaten, die immer wieder eingeblendet werden. Aktuelle Zitate, wie es scheint. Beispielsweise: „Das Leben der Menschen ist geprägt von Affektiertheit und Heuchelei, sie täten gut daran, sich mit dem Leben der Hunde zu befassen.“ Doch dieses Zitat ist viel älter, als man denkt. Es stammt von Diogenes, etwa 360 v. Christus. Diese Zitate ziehen sich durch den gesamten Film und stimmen nachdenklich. Seit über 2000 Jahren ist das Problem erkannt, und bis heute nicht gelöst. Die Hunde werden wohl auch in Zukunft die besseren Menschen sein. Ein weiterer, sehr wesentlicher Aspekt wird gleich zu Beginn des Films eingeblendet. Seit 1909 versuchte die türkische Regierung, Streuner auszurotten, wodurch es zu Massentötungen kam. Es ist dem Protest der (türkischen) Bevölkerung zu verdanken, dass die Türkei eines der wenigen Länder ist, in dem die Einschläferung und das Gefangenhalten von streunenden Hunden verboten sind.

Hunde, Streuner und Türken

Der Hund gilt im Islam als unrein. Kein Engel betritt laut Koran ein Haus, in dem ein Hund wohnt. Wer nun aber glaubt, dass die Türken sich vor den Streunern fürchten oder sie vertreiben, der irrt. Zumindest teilweise. Die Streuner werden von vielen Türken mit Essensresten versorgt, und bei Gefallen auch mit nach Hause genommen. Angst vor den friedlichen Streunern haben ausgerechnet die Türken, die selbst einen Hund haben. Klingt sehr deutsch, ist aber in diesem Fall türkisch. Dabei sind die Streuner ausgesprochen gut sozialisiert. Kommt es einmal zu Konflikten, werden diese schnell und in der Regel unblutig gelöst. Dass es auch dann unblutig zugeht, wenn die Streuner stark befahrene Straßen überqueren, liegt zum Teil daran, dass die Hunde den Verkehr kennen und wissen, an welchen Stellen sie relativ sicher sind, zum großen Teil aber auch an den Auto- und Straßenbahnfahrern, die sich überwiegend rücksichtsvoll gegenüber den Streunern verhalten. Im weiteren Verlauf führen die Hunde das Kamerateam zu sozialen Brennpunkten, zweibeinigen Streunern, eine Demonstration etc.. Dabei werden auch Gespräche aufgefangen. So berichtet der Film nicht nur über die Streuner in Istanbul, sondern auch über die Menschen, die dort leben, ihr Verhältnis untereinander und zu den Hunden.

Freiheit für die Streuner

Die Streuner sind keineswegs menschenscheu. Sie lassen sich anfassen und verweilen auch bei ihnen. Doch ihre Streifzüge gehören zu ihren Freiheiten. Auch wenn der Glaube besagt, dass man unrein wird, wenn man von einem Hund berührt wird, wachen selbst Gläubige über die Streuner, damit ihnen nichts passiert. Wir retten keinen Straßenhunde, wenn wir sie adoptieren, sondern unterstützen damit ihr Leiden. Es wäre vergleichbar mit einem Löwen aus der freien Wildbahn, der nun in einem Zoo eingesperrt wird. Das Leben auf der Straße ist hart für die Hunde, aber es ist ihr Leben und sie wollen kein anderes. Die Menschen in Istanbul haben das verstanden; wir müssen es noch lernen. Das wird in dem Film so nicht gesagt, aber deutlich gezeigt. Ein Film, den man nicht einfach sehen kann, sondern verstehen muss.

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