Leine Los?

Ohne Leine Gassi

Leine Los?

An die Leine, fertig, los!

Hunde müssen in Gemeindegebieten, in Naturschutzgebieten, in Bereichen, in denen sich viele Personen aufhalten und an zahlreichen, sonstigen Orten an die Leine. Das ist doch kein Leben für einen Hund sagen die einen; das ist für ein vernünftiges Miteinander absolut notwendig, sagen die anderen. Die Leinenpflicht wird so heftig diskutiert, dass dieses Problem einen Stellenwert erreicht, den es gar nicht verdient. Unser Gastautor José Arce hat dieses Problem näher untersucht und beschrieben. Mein Fazit: Es ist erschreckend, wie viel Zeit wir damit verplempern, Probleme zu diskutieren, die eigentlich gar keine Probleme sind. Aber bilden Sie sich Ihr eigenes Fazit. Hier der Bericht „Leine Los?“ von José Arce.

LEINE LOS?

In vielen Städten herrscht Leinenpflicht. Abgesehen davon gibt es immer wieder Situationen, in denen es für einen Hund sicherer ist, an der Leine zu gehen.

In meinen Augen ist es also unerlässlich, seinen Hund an die Leine zu gewöhnen. Allerdings kenne ich auch keinen Hundehalter, der nicht irgendwann davon träumt, seinen Hund einfach frei laufen zu lassen. Das scheint einfach irgendwie der Vorstellung zu entsprechen, die wir von Natur und Freiheit haben. Wobei wir schon beim ersten Missverständnis sind: Ein Hund ist nämlich nicht automatisch frei, bloß weil er frei herumlaufen kann. Er ist dann frei, wenn er sich keine großen Gedanken machen muss, was um ihn herum passiert. Und das kann er nur, wenn er sich bei seinem Menschen sicher und aufgehoben fühlt. Ob er dann an der Leine läuft oder nicht, ist ihm ehrlich gesagt schnuppe.

Strukturierte Spaziergänge verbessern die Beziehung, weil der Hund eine Aufgabe hat und sich an Ihrer Seite sicher fühlt

So gesehen besteht keine Notwendigkeit, den Hund ohne Leine laufen zu lassen. Es spricht aber auch nichts dagegen, es einfach mal zu versuchen. Voraussetzung dafür sollte sein, dass er sich an der Leine sicher und ruhig führen lässt und zuverlässig reagiert, wenn Sie ihn zu sich rufen. Nach wie vor sollten außerdem dieselben Regeln gelten wie an der Leine. Das heißt, Sie bestimmen, wo es langgeht und in welchem Tempo – was die doppelte Portion Souveränität von Ihnen verlangt. Denn natürlich ist für den Hund die Verführung, mal kurz sein eigenes Ding zu machen, ohne Leine sehr viel größer. Das heißt nicht, dass er immer genau hinter Ihnen oder im Gleichschritt neben Ihnen hergehen muss. Worauf es ankommt, ist, dass er sich nicht selbstständig macht, sondern bei Ihnen bleibt. Wie groß der Radius ist, in dem er sich bewegen kann, bleibt Ihnen überlassen. Solange er die Grenzen respektiert, die Sie setzen, ist alles in Ordnung. Er läuft dann quasi an einer Leine im Kopf.

Strukturen machen den Kopf frei und helfen der Mensch- Hund- Beziehung

Wenn Sie das Gefühl haben, Ihrem Hund ohne Leine nicht genug Sicherheit und Ruhe vermitteln zu können, weil Sie selbst zu nervös sind, dass irgendetwas Unvorhergesehenes passieren könnte, lassen Sie ihn lieber an der Leine. Denn Ihr Vierbeiner würde Ihre Unsicherheit sofort bemerken und entsprechend unentspannt reagieren – auch wenn an der Leine sonst alles gut funktioniert. Aber Hunde leben nun mal im Hier und Jetzt. Für sie zählt, welche Signale sie im Moment erhalten. Von so einem Spaziergang hat dann keiner was, weder Sie noch Ihr Hund und schon gar nicht Ihre Beziehung zueinander.

Auch wenn ich selbst nicht unbedingt ein Anhänger von Hundewiesen bin, weiß ich, dass es sehr viele Menschen gibt, die dort gerne hingehen, weil so eine Wiese für sie der Inbegriff des »Hundeparadieses« ist. Ich will das ja auch gar niemandem verbieten. Ein paar Dinge sollten Sie allerdings schon beachten, damit Ihr Hund unter seinesgleichen eine schöne Zeit hat und Ihre Beziehung zueinander nicht leidet.

Zunächst einmal sollten Sie sich aus der Entfernung anschauen, was für Hunde (und Menschen) sich überhaupt dort treffen. Passen Alter und Aktivitätslevel der Tiere zu dem Ihres eigenen Vierbeiners? Wirken die Hunde ausgeglichen oder gibt es viel Zoff? Und was machen die Besitzer? Halten sie Kontakt zu ihren Hunden oder lassen sie sie einfach machen, während sie sich miteinander unterhalten?

Warum das alles? Ganz einfach: Hunde verstehen sich nicht zwangsläufig miteinander. Eine »Meute« Hunde auf der Hundewiese ist zudem wie ein Rudel auf Zeit. Jeder muss darin seine Rolle finden, damit die Stimmung insgesamt entspannt bleibt und es keinen Streit gibt. Dass das Ganze ein dynamischer Prozess ist und die Positionen häufig wechseln, weil ständig jemand Neues dazukommt oder einer geht, macht es nicht einfacher. Wenn Ihr Hund beim strukturierten Spaziergang aber bereits eine Zeit lang neben Ihnen hergelaufen ist, ist er schon in einer Position, die es ihm leicht macht, sich in der Gruppe einzugliedern. In der Pause kann die Hundewiese also durchaus einmal eine Alternative sein. Den geführten Spaziergang selbst kann sie dagegen auf keinen Fall ersetzen. Egal wie gut sich die Hunde auch verstehen mögen.

Unter seinesgleichen verliert ein Hund sein Frauchen oder Herrchen gerne einmal aus dem Blick, weil es wild hergeht und/oder er sich von der Aufregung anderer Hunde anstecken lässt. Umso wichtiger ist es, ihm ab und an zu zeigen, wohin er wirklich gehört: zu Ihnen, an Ihre Seite.

Mit seinesgleichen herumzutoben kann toll sein,

aber es ersetzt Ihrem Hund niemals die Zeit mit Ihnen

Im Prinzip ist das ein Rückruftraining unter erschwerten Bedingungen. Dazu rufen Sie Ihren Hund in einem Moment, in dem er zu Ihnen schaut, und gehen dann in die Hocke. Wenn er zu Ihnen kommt, loben Sie ihn ausgiebig, er hat schließlich einiges für Sie »zurückgelassen«.

Damit Ihr Hund nicht vergisst, dass er bei Ihnen Ruhe und Sicherheit findet, empfehle ich außerdem, ihn nicht gleich wieder zurück, sondern sich erst einmal ein Weilchen hinsetzen zu lassen. Dabei können Sie ihn ruhig streicheln. Wenn er das gut macht, darf er anschließend wieder zurück zum Spielen. Lernt Ihr Hund auf diese Weise, dass es etwas Schönes ist, zu Ihnen zu kommen, sinkt die Gefahr, dass er sich (zum Beispiel im Windschatten eines anderen »Rumtreibers«) aus dem Staub macht. Das nämlich kann schnell einmal gefährlich werden.

Wie das Spiel sollte ein Abstecher zur Hundewiese nie dazu dienen, den Hund müde zu machen. Oder ihm Unterhaltung zu bieten, weil Sie selbst gerade zu müde dazu sind oder keine Lust haben, sich mit ihm zu beschäftigen. Betrachten Sie die Hundewiese als eine Variante des Spielens – mit ähnlichen Regeln. Das heißt auch: Sie bestimmen, wann Schluss ist. Rufen Sie dann Ihren Hund noch einmal zu sich und lassen Sie ihn sich wieder hinsetzen. Diesmal aber nehmen Sie ihn nach einem kurzen Streicheln ruhig an die Leine und gehen gelassen weiter Ihres Weges.

Ihr Hund orientiert sich immer an Ihnen.

Seien Sie ihm also jederzeit ein Vorbild